Geschichte der jüdischen Gemeinde

decke-begegnungsstaette-kopieIm Dorf Gelsenkirchen wurden erstmals im 18. Jahrhundert jüdische Familien erwähnt.

Im Jahr 1731 gab es etwa zehn Juden in Gelsenkirchen. In den nächsten Jahren schwankte die Zahl immer zwischen einem und zehn Juden. Im Jahr 1829 gab es in Gelsenkirchen 14 Juden, die es sich zusammen leisten konnten, Beiträge für einen Landrabbiner zu bezahlen. Die Juden aus Gelsenkirchen gehörten zu dieser Zeit der Synagogengemeinde Wattenscheid und der Hauptsynagogengemeinde Hattingen an. Bis 1846 gab es lediglich fünf jüdische Familien in Gelsenkirchen.

Industrialisierung und Zuwanderung

Durch die Industrialisierung im Ruhrgebiet und der damit verbundenen Zuwanderung wuchs Gelsenkirchen innerhalb weniger Jahre zu einer Großstadt heran. Mit der Zuwanderung gelangten auch immer mehr Juden in die Stadt. Im Jahr 1861 lebten bereits etwa 60 Juden in Alt-Gelsenkirchen. Zwei Jahre später konnte ein erster jüdischer Betsaal gemietet werden und im Jahr 1874 wurde die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen aus der Wattenscheider Gemeinde ausgegliedert. In der Zwischenzeit war die Anzahl der jüdischen Familien bereits auf 36 angewachsen.

Da der gemietete Betsaal bald nicht mehr für die hohe Gemeindemitgliederzahl ausreichte, wurde der Neubau einer Synagoge an der Neustraße beschlossen. Im August 1885 wurde die Synagoge dann feierlich eingeweiht. Nachdem die Juden aus Ückendorf im Jahr 1908 in die Gelsenkirchener Gemeinde eingegliedert wurden, wuchs die Zahl der Juden auf 1215.

thora-der-begegnungsstaette-kopie-1024x682Schon damals gab es ein sehr aktives Gemeindeleben in Gelsenkirchen: Es gab einen Frauen- und einen Männerverein, einen
Synagogenchor sowie einen Unterstützungs- und einen Literaturverein. Außerdem gab es eine jüdische Schule, einen jüdischen Friedhof an der Wanner Straße und ab dem Jahr 1927 auch einen Friedhof in Ückendorf, der heute noch genutzt wird.

Neben der liberalen Gemeinde gab es in Gelsenkirchen noch drei Gruppen orthodoxer Juden, die hauptsächlich aus zugewanderten Juden aus Osteuropa bestanden. Sie hatten ihre Betsäle an der Arminstraße, an der Bahnhofstraße 14 und an der heutigen Husemannstraße.

Im Jahr 1932 lebten im Süden von Gelsenkirchen etwa 1440 Juden. Der Frauenverein der Jüdischen Gemeinde hatte knapp 280, der Männerverein etwa 200 Mitglieder. Außerdem besuchten etwa 140 Kinder die jüdische Volksschule. Mittlerweile gab es auch einen jüdischen Jugend- und Innenraum des Sportvereins (Hakoah).

neue-synagoge2-kopieIn Buer, das im Jahr 1928 zusammen mit Horst mit Gelsenkirchen vereinigt wurde, war während der Industrialisierung eine weitere kleinere jüdische Gemeinde entstanden. Im Jahr 1922 baute sich die Gemeinde eine eigene Synagoge an der Maelostraße. 1933 gab es dort etwa 150 Gemeindemitglieder, einen Frauen-, Männer- und Jugendverein sowie eine eigene jüdische Schule, die von 27 Kindern besucht wurde. Erst ein Jahr zuvor hatte sich die Gemeinde aus der Dorstener Hauptgemeinde herausgelöst und war selbstständig geworden.

Genau wie die Juden in Buer, erlangten auch die Juden in Horst in den Jahren 1932 bis 1933 ihre Selbständigkeit und es entstand eine weitere Gemeinde. Die Gemeinde baute jedoch keine neue Synagoge, sondern traf sich für die G-ttesdienste in einem Betsaal an der Franzstraße, der späteren Industriestraße. 1933 gab es in Horst etwa 90 Juden.

Die jüdische Bevölkerung in ganz Gelsenkirchen bestand neben Arbeitern, Angestellten und kleinen Handwerkern vor allem auch aus vielen Kaufleuten. In den Gelsenkirchenern Einkaufsstraßen wurden viele Geschäfte von Juden betrieben.

Nationalsozialismus und Völkermord

Zum Ende der Weimarer Republik nahm der Antisemitismus immer mehr zu. Nach der Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933 setzte die Partei ihre judenfeindliche Propaganda in Taten um: Zunächst ein Aufruf zum „Judenboykott“ der Deutschen gegen das jüdische Gewerbe, gefolgt von gewalttätigen Aktionen gegen jüdische Geschäfte, der Entfernung aller jüdischen Beamten aus dem Staatsdienst und 1935 gipfelnd in den „Nürnberger Gesetzen“, die Verabschiedung zweier Rassegesetzte, die den Ausschluss der Juden aus dem Staat und der Gesellschaft vorantrieb.

gedenktafeln-kopieIm Jahr 1938 beschloss die NSDAP die komplette „Arisierung“: Juden mussten ihren gesamten Besitz in „arische“ Hände übergeben, wurden somit aus dem Wirtschaftsleben verdrängt und zur Abgabe eines Großteils ihres Vermögens gezwungen. So auch in Gelsenkirchen. In der „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938 wurden in ganz Deutschland Synagogen in Brand gesteckt und jüdische Geschäfte zerstört. In dieser Nacht brannten auch die Synagogen in Gelsenkirchen und Buer und wurden genauso wie viele Geschäfte in den Einkaufsstraßen vollständig zerstört.

Am 9. September 1939 wurden erstmals zahlreiche in Gelsenkirchen lebende männliche Juden in das KZ Sachsenhausen deportiert. Von diesen kehrten einige noch nach Gelsenkirchen zurück, einige konnten noch auswandern, andere starben jedoch bereits im KZ.

Während der ersten Kriegsjahre rückte jedoch die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ immer mehr in den Vordergrund der Nationalsozialisten. Im Jahr 1941 ordnete die Gestapo die „Zusammenfassung der Juden in rein jüdische Häuser“ an. So wurden auch in Gelsenkirchen die jüdischen Einwohner in wenige Häuser zusammengedrängt.

Am 26. und 27. Januar 1942 wurde der erste „Judensammeltransport“ in Gelsenkirchen sichtbar und in aller Öffentlichkeit an den städtischen Ausstellungshallen auf dem Wildenbruchplatz mit 359 Juden versehen. Mit unbeheizten Waggons, ohne Verpflegung und zwischenzeitlichen Temperaturen von -30 °C verließ der Zug Gelsenkirchen in Richtung des Ghettos Riga. Es folgten weitere Transporte, bis mit dem Letzten am 27. Juli 1942 alle Juden aus Gelsenkirchen deportiert worden waren. Ziele waren meistens die Konzentrationslager in  Riga, Auschwitz und Buchenwald. Am 18. und 19. September 1944 wurden auch die 36 „Mischlinge“ und „Mischehepartner“ aus Gelsenkirchen deportiert. Viele weitere aus Gelsenkirchen stammende Juden wurden in ganz Deutschland oder im Ausland ergriffen und deportiert. Die meisten der Juden aus Gelsenkirchen wurden während der Herrschaft der Nationalsozialisten ermordet.

Wiederaufbau

neue-synagoge-kopieNach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Nationalsozialismus kehrten nur vereinzelt Juden, die überlebt hatten, nach Gelsenkirchen zurück. Für diese entstand vor Ort ein jüdisches Hilfskomitee, das sich um ihre Belange kümmerte. Das Hilfskomitee war rückblickend Ausgangspunkt der Jüdischen Kultusgemeinde Gelsenkirchen.

Das neue Gemeindezentrum der 1946 wieder neu ins Leben gerufenen Jüdischen Gemeinde entstand in den folgenden Jahren in einem Haus in der Von-der-Recke-Straße, in dem ein Gemeindesaal, ein Schulraum, Büros und eine Bücherei eingerichtet wurden. Im Innenhof des Hauses wurde außerdem ein Betsaal komplett neu gebaut und am 29. Juni 1958 eingeweiht.

Zuzug und Erneuerung

Nach dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Gemeinde ab den 1990er Jahren kontinuierlich weiter. Durch die Zuwanderung entstand eine pluralisierte und differenzierte jüdische Gemeinschaft. Nun war das Fassungsvermögen des Alten Betsaals für die G-ttesdienste und das Gemeindeleben jedoch zu klein. Folglich entstand um die Jahrtausendwende die Idee, eine neue Synagoge in Gelsenkirchen zu errichten. Dabei wurde der Neubau durch die Landesregierung und die Stadt unterstützt. Im November 2004 erfolgte dann die Grundsteinlegung und schließlich wurde am 1. Februar 2007 die Neue Synagoge mit dem Gemeindezentrum auf dem Platz der 1938 niedergebrannten Synagoge eröffnet. Der Alte Betsaal wird seitdem als Begegnungsstätte und Seminarraum genutzt.